Dieselbe Aufgabe. Zehn völlig andere Lösungen. Was die neuen Euro-Banknoten über gutes Design verraten
- Nico Scherer

- vor 4 Tagen
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Aktualisiert: vor 1 Tag
Ein Geldschein ist wahrscheinlich eines der härtesten Designprojekte, das man sich aussuchen kann.
Er muss in Sekunden erkennbar sein. Er darf nicht mit einem anderen Wert verwechselt werden. Er muss Sicherheit, Barrierefreiheit, Geschichte, Identität und Alltag gleichzeitig aushalten. Und schön wäre natürlich auch noch ganz nett.

Hinweis zum Bild: Dieses Motiv wurde mit künstlicher Intelligenz erstellt und ist ein reiner generischer Konzeptentwurf. Es besteht keine Verbindung zur Europäischen Zentralbank, oder zur Deutschen Bundesbank.
Die neuen Euro-Banknoten sind mehr als eine Geschmacksfrage
Am 23. Juli 2026 hat die Europäische Zentralbank zehn Entwürfe für die nächste Euro-Banknotenserie veröffentlicht. Mehr als 1.200 Designerinnen und Designer hatten sich beworben. 25 wurden eingeladen, konkrete Vorschläge zu entwickeln. Am Ende schafften es zehn Systeme in die öffentliche Auswahl.
Bis zum 21. September 2026 können Menschen in Europa Feedback geben. Gegen Ende des Jahres soll der EZB-Rat einen Entwurf auswählen. Bis die neuen Scheine tatsächlich im Geldbeutel landen, dauert es danach allerdings noch: Das gewählte System wird technisch weiterentwickelt und getestet.
Zwei Themenwelten stehen zur Wahl: „Europäische Kultur“ sowie „Flüsse und Vögel“. Die Motive waren weitgehend festgelegt. Je nach Thema mussten bestimmte Persönlichkeiten, kulturelle Räume, Vogelarten, Flussabschnitte und europäische Institutionen auf sechs unterschiedlichen Banknotenwerten zusammengebracht werden.
Kurz gesagt: extrem viele Regeln. Und trotzdem zehn Ergebnisse, die kaum unterschiedlicher aussehen könnten.
Der spannendste Gedanke kommt nicht von der EZB
Aufmerksam geworden bin ich auf das Thema durch einen LinkedIn-Beitrag von Andreas Böckamp von Radikant. Seine Beobachtung trifft den Kern: dieselbe Aufgabe, dieselben Motivgruppen, dieselbe Reihenfolge – und trotzdem entstehen völlig unterschiedliche Designsysteme.
Das ist viel interessanter als die Frage, ob einem Entwurf Nummer drei oder Nummer sieben besser gefällt.
Denn genau hier zeigt sich, was Gestaltung wirklich ist. Nicht Dekoration. Nicht persönlicher Geschmack. Und auch nicht grenzenlose künstlerische Freiheit.
Design bedeutet, unter realen Bedingungen eine klare Lösung zu bauen.
Viele Regeln töten Kreativität nicht. Schlechte Regeln tun es.
In Branding-Projekten höre ich oft zwei gegensätzliche Sorgen.
Die eine Seite möchte möglichst wenig festlegen, damit später „noch alles möglich“ bleibt. Die andere Seite schreibt so viele Detailregeln auf, dass niemand mehr gestalten kann, ohne Angst vor dem Markenhandbuch zu bekommen.
Beides funktioniert nicht.
Ein gutes Corporate-Design-System definiert die Konstanten und lässt die Variablen bewusst offen. Es sagt nicht, wie jedes einzelne Plakat auszusehen hat. Es sorgt dafür, dass Plakat, Website, Präsentation, Social Post und Messestand trotz unterschiedlicher Aufgaben nach derselben Marke aussehen.
Die neuen Banknotenentwürfe zeigen genau das. Die Inhalte sind vorgegeben. Die Funktion ist vorgegeben. Die Werte sind vorgegeben. Aber Komposition, Rhythmus, Farbdramaturgie, Typografie, Bildsprache und Gewichtung schaffen komplett unterschiedliche Charaktere.
Ein Corporate Design ist kein einzelnes Motiv
Ein Logo kann gut aussehen. Eine Visitenkarte ebenfalls. Das beweist noch gar nichts.
Die eigentliche Qualität einer visuellen Identität zeigt sich erst, wenn das System unter Druck gerät: auf kleinem Raum, in Schwarz-Weiß, auf dem Smartphone, in einer langen Präsentation, bei einer neuen Kampagne oder in Händen eines Mitarbeiters, der kein Designer ist.
Bei einer Banknotenserie kommt noch eine besondere Herausforderung dazu: Jeder Wert muss eigenständig erkennbar sein und gleichzeitig eindeutig zur Familie gehören.
Wie unterschiedlich ein solches System gelöst werden kann, zeigt der Finalentwurf des Salzburger Branding- und Designstudios PunktFormStrich. Das Konzept aus der Themenwelt „Flüsse und Vögel“ arbeitet mit wissenschaftlich anmutenden Tierillustrationen, klaren Wertfarben und einem konsequent wiederkehrenden Raster. Nach Angaben der Fachhochschule Salzburg wurde der Entwurf aus mehr als 1.200 europäischen Einreichungen unter die zehn Finalisten des EZB-Designwettbewerbs gewählt.

Bild: © PunktFormStrich Branding & Design. Kontextquelle: Fachhochschule Salzburg, LinkedIn-Beitrag zum Finaleinzug im EZB-Designwettbewerb.
Genau das muss auch eine Marke leisten.
Eine Social-Media-Grafik darf anders aussehen als eine Angebotspräsentation.
Eine Recruiting-Kampagne darf emotionaler sein als eine technische Leistungsseite.
Eine Produktlinie darf eigene Farben besitzen, ohne die Dachmarke zu verlieren.
Ein neues Format darf überraschen, ohne plötzlich wie ein anderes Unternehmen zu wirken.
Die wichtigste Erkenntnis: Wiedererkennung entsteht nicht dadurch, dass alles gleich aussieht. Sie entsteht dadurch, dass die richtigen Dinge gleich bleiben.
Was bei den Banknoten fest bleibt – und was sich verändern darf
Starke Designsysteme arbeiten mit einer klaren Hierarchie.
Auf der ersten Ebene stehen Elemente, die kaum verhandelbar sind: Grundidee, Funktion, Absender, Sicherheitsanforderungen und Unterscheidbarkeit.
Auf der zweiten Ebene liegen die wiederkehrenden Markensignale: typografische Logik, Formen, Raster, Farbprinzip, Bildbehandlung und charakteristische Details.
Auf der dritten Ebene entsteht der Spielraum. Dort können Motive wechseln, Kompositionen reagieren, Formate sich verändern und Geschichten erzählt werden.
Wenn Ebene eins und zwei stark sind, darf Ebene drei mutig werden.
Fehlen diese Grundlagen, wird aus Freiheit schnell Beliebigkeit. Dann sieht jede Anwendung einzeln vielleicht hübsch aus, aber gemeinsam ergibt sich keine Marke.
Barrierefreiheit ist kein Zusatz. Sie verändert das Design.
Die neue Banknotenserie soll leichter zugänglich sein, auch für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. Die Werte müssen klar unterscheidbar bleiben. Kontraste, Größen, haptische Merkmale und visuelle Hierarchie sind deshalb keine nachträgliche Optimierung, sondern Teil der Aufgabe.
Das ist ein Punkt, den viele Unternehmen noch immer falsch behandeln.
Barrierefreiheit wird am Ende geprüft, wenn Farben, Typografie und Komponenten längst feststehen. Dann beginnt das Reparieren. Kontraste werden irgendwie angehoben, Schriftgrößen nachträglich verändert und Buttons brechen aus dem Layout.
Gutes Design denkt Zugänglichkeit von Anfang an mit. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil Klarheit meistens allen hilft.
Auch Nachhaltigkeit muss gestaltet werden
Die EZB möchte die Umweltwirkung der neuen Scheine reduzieren: durch höhere Haltbarkeit sowie nachhaltigere Materialien und Produktionsprozesse.
Das klingt erst einmal nach Technik. Es ist aber ebenfalls eine Designentscheidung.
Material, Lebensdauer und Produktion bestimmen, was gestalterisch möglich ist. Dasselbe gilt für Markenauftritte: Ein Design, das nur in teuren Sonderproduktionen funktioniert, ist vielleicht beeindruckend – aber nicht unbedingt sinnvoll.
Die schönste Idee bringt wenig, wenn sie im Alltag nicht konsequent umgesetzt werden kann.
Fünf Fragen, die Unternehmen aus dem EZB-Projekt mitnehmen sollten
Welche Elemente unserer Marke müssen immer erkennbar bleiben?
Wo brauchen Teams klare Regeln – und wo bewusst mehr Freiheit?
Funktioniert unser Design in allen wichtigen Formaten oder nur auf der Startseite?
Sind Angebote, Leistungen oder Produktbereiche unterscheidbar, ohne wie fremde Marken zu wirken?
Kann jemand außerhalb des Designteams das System korrekt anwenden?
Wenn diese Fragen nicht eindeutig beantwortet werden können, fehlt wahrscheinlich kein neues Logo. Es fehlt ein belastbares System.
Der häufigste Fehler: Styleguide statt Werkzeugkasten
Viele Corporate Designs enden als PDF mit Farbwerten, Logo-Schutzzone und drei Beispielseiten.
Das ist Dokumentation. Noch kein funktionierendes System.
Ein gutes Branding braucht anwendbare Bausteine: Vorlagen, definierte Layoutprinzipien, Bildlogik, Komponenten, klare Text-Hierarchien und Beispiele für echte Grenzfälle.
Menschen müssen nicht nur wissen, was verboten ist. Sie müssen sehen, wie sie innerhalb der Marke gute neue Lösungen bauen können.
In der Praxis bedeutet das: Der Styleguide darf nicht das Design einfrieren. Er muss Gestaltung ermöglichen.
Welche Banknote gewinnt? Vielleicht nicht die schönste.
Am Ende wird nicht ausschließlich die öffentliche Umfrage entscheiden. Der EZB-Rat berücksichtigt zusätzlich die Einschätzung der Jury und eine technische Bewertung.
Das ist sinnvoll. Denn ein Design kann in einer Präsentation spektakulär wirken und im Alltag trotzdem scheitern.
Vielleicht ist genau das die unbequemste Parallele zu Branding: Der Lieblingsentwurf des Geschäftsführers ist nicht automatisch die beste Lösung für die Marke.
Gutes Design muss mehr können, als im ersten Moment zu gefallen. Es muss orientieren, unterscheiden, funktionieren und über Jahre tragfähig bleiben.
Fazit: Kreativität beginnt nicht ohne Regeln, sondern mit den richtigen
Die zehn Euro-Entwürfe zeigen, wie unterschiedlich Lösungen trotz fast identischer Vorgaben sein können.
Die Aufgabe eines Designers besteht nicht darin, Regeln möglichst geschickt zu umgehen. Sie besteht darin, innerhalb dieser Regeln eine Idee sichtbar zu machen, die Charakter hat und trotzdem funktioniert.
Genau das trennt ein hübsches Erscheinungsbild von einem echten Corporate Design.
Marketing mit WOW bedeutet nicht, jedes Mal alles neu zu erfinden. Es bedeutet, ein System zu bauen, das Wiedererkennung schafft – und trotzdem genug Luft für starke neue Ideen lässt.
FAQ: Neue Euro-Banknoten und Corporate Design
Wann kommen die neuen Euro-Banknoten?
Ein genauer Einführungstermin steht noch nicht fest. Der EZB-Rat will voraussichtlich gegen Ende 2026 einen Designvorschlag auswählen. Danach folgen Weiterentwicklung, technische Prüfung, Produktion und Einführung über mehrere Jahre.
Kann man über die neuen Euro-Scheine abstimmen?
Die EZB führt bis zum 21. September 2026 eine öffentliche Online-Umfrage zu den zehn Gestaltungsvorschlägen durch. Die Ergebnisse fließen neben der Jurybewertung und technischen Prüfungen in die Entscheidung ein.
Welche Themen haben die neuen Banknoten?
Zur Auswahl stehen die Themen „Europäische Kultur“ und „Flüsse und Vögel“. Beide Themen werden über sechs Banknotenwerte hinweg als zusammenhängendes visuelles System umgesetzt.
Was hat ein Geldschein mit Corporate Design zu tun?
Sehr viel. Jeder Wert muss eindeutig unterscheidbar sein und trotzdem zur gemeinsamen Serie gehören. Genau diese Balance zwischen Konsistenz und Variation muss auch ein Corporate-Design-System für unterschiedliche Medien und Anwendungen schaffen.
Warum sind klare Vorgaben für kreative Arbeit wichtig?
Gute Vorgaben definieren Ziel, Funktion und wiederkehrende Markensignale. Dadurch muss nicht bei jedem Format alles neu entschieden werden. Die kreative Energie kann in die konkrete Lösung fließen statt in Grundsatzdiskussionen.
Passende Leistung
Branding von Nico Scherer Studio™: strategische Markenlogik, visuelle Identität und ein Corporate-Design-System, das nicht nur gut aussieht, sondern im Alltag funktioniert.
Quellen und Inspiration
Europäische Zentralbank: „EZB präsentiert Endauswahl der Designs für die neuen Banknoten und startet öffentliche Umfrage“, veröffentlicht am 23. Juli 2026. https://www.ecb.europa.eu/press/pr/date/2026/html/ecb.pr260723~c2d43f9170.de.html
Europäische Zentralbank: Bericht der Jury über die Finalisten des Design-Wettbewerbs für neue Banknoten, Juli 2026. https://www.ecb.europa.eu/press/pubbydate/2026/html/ecb.desreportbanknotes202607.de.html
Inspiration und Ausgangsgedanke: LinkedIn-Beitrag von Andreas Böckamp, Branding & Design bei Radikant, veröffentlicht am 30. Juli 2026.
Fachhochschule Salzburg: LinkedIn-Beitrag über den Finalentwurf des Alumni-Studios PunktFormStrich Branding & Design, veröffentlicht im Juli 2026. Bildmaterial: © PunktFormStrich.